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Französischstunde

Susanne beeilt sich, denn ihr bleiben nur fünfzig Minuten. Nicht einmal eine ganze Stunde Zeit hat sie. Sie hat ihre Tasche eng an sich gepresst und tritt sicher auf jede Stufe, die sie mit argloser Schnelligkeit nimmt. Denn schließlich hat sie es ja eilig. Da, endlich, sie steht vor der Türe, sie ist geschlossen. Sie stellt ihre Tasche rasch noch kurz ab, richtet ihren Rock und ihren Pullover, dann nimmt sie ihre Tasche und tritt ohne zu Klopfen ein.
„Bonjour!“ hallt es ihr entgegen. „Bonjour, prenez place!“ gibt sie zurück und sechzehn Jugendliche setzen sich. Susanne atmet auf. Alle sind da, keiner fehlt. Sie kann ruhig mit dem Unterricht beginnen. „Was machen wir denn heute?“ fragte eine Stimme in der letzten Reihe; sie gehört Felix, einen blonden, blauäugigen Vorzugsschüler, der immer auf der Hut vor Arbeit ist. „Plan du travail!“ sagt sie, ganz ruhig und beginnt, die Zettel auszuteilen. Eine Schülerin aus der ersten Reihe stöhnt. „Marlene, schon wieder zu viel Arbeit?“ fragt Susanne. Das Mädchen nickt. Fangt doch endlich an, beginnt zu Arbeiten, denkt Susanne dabei. Endlich wird es ruhiger in der Klasse. Die Lehrerin geht zu ihrem Platz zurück, setzt sich, atmet tief durch. Sie nimmt ihre Brille ab, legt sie vor sich auf den Tisch und beginnt, ins Klassenbuch einzutragen. Als sie damit fertig ist, legt sie das Buch zu Seite und lässt ihren Blick durch die Klasse schweifen. Felix arbeitet nicht; Susanne lächelt. Sie setzt ihre Brille auf und erhebt sich. Sie streift ihren Rock glatt und bewegt sich sachten Schrittes zur letzten Reihe.
Felix sitzt alleine, er will es selbst so, meint er, denn so ist er nicht abgelenkt. Nun merkt er aber, dass jemand vor ihm steht. Er hebt den Blick, unwillkürlich muss er ihren Körper ansehen, der sich eng an den Tisch schmiegt und ihr Gesicht, die kleinen Falten um ihre Augen, die ihn neugierig mustern. „Tu as beaucoup de travail, mon cherie, mais tu ne travaille pas!“ – „Je ne veux pas!“ gibt er zurück, wie es seine Art ist und seine blauen Augen unterstreichen seine Worte. Susanne lehnt ihre Hinterseite an den Tisch, der aufstöhnt. „Hör mal, mein Lieber, ich fürchte, du nimmst es zu leicht!“ flüstert sie und beugt sich zu ihm. „Ich hab niemals etwas zu leicht genommen!“ sagt er. Sie mag es, wenn er ihr rebellisch antwortet. Es macht ihn auf gewisse Weise sogar anziehend, findet sie. „Und ich werde es auch in Zukunft nicht tun!“ seine Augen blicken sie durchdringend an. Sie ist versucht, im durch das blonde Haar zu streichen, doch hält sich zurück. Nein, nein, nein, mahnt sie sich. Sie blickt auf die Uhr, es ist halb, nur noch zwanzig Minuten, viel zu wenig Zeit. Susanne fragt sich, ob Felix eine Freundin hat. Er ist bestimmt aller Mädchen Schwarm ist sie sich sicher. Und sie kann es verstehen. Es ist siebzehn, er ist groß, er ist intelligent und er hat Charme. Er gefällt mir, stellt sie fest. Sie lächelt in sich hinein. Natürlich gefällt er mir, kommt es von innen, denn schließlich –
„Fr. Prof.!!!“ Marlene. Susanne steht auf, seufzt und geht zu Marlene. Neben ihr sitzt Helga, die aufmerksam zuhört, als Susanne erklärt, obwohl sie es mit Sicherheit verstanden hat. Marlene lässt sich bereitwillig alles erklären, fragt nach und Susanne schließt aus ihren Fragen, dass sie nur möchte, dass ihr jemand anderes die Arbeit des Erarbeitens abnimmt. „Excusez moi, j’ai besoin de votre aide.“ Susanne horcht auf. Felix. „Un moment, j’arrive tout de suite!“ Felix nickt. Susanne lässt Marlene links liegen. Sie versteht es schon irgendwie, denkt sie sich und stürzt zurück in die letzte Reihe. „Oui?“ hauchte sie, dämpft ihre Stimme, denn schließlich ist dieses Gespräch privat, es braucht niemand mitzuhören. Auch Felix spricht nun leiser. „Können Sie mir helfen? Bitte?!“ er sieht sie durchdringend an. „Wobei, Felix, wobei?“
Sie erklärt ihm mit Hingabe das, was er nicht zu verstehen vorgibt. Sie gibt sich Mühe, ihre Bewegungen zu harmonisieren und gut dabei zu wirken. „Ce n’est pas difficile!“ sagt sie. „Was Sie mich lehren ist immer leicht!“ sagt er, und sie bekommt eine Gänsehaut. Sie blickt nervös auf die Uhr, zwei Minuten noch. „Ich muss noch die Hausübung geben, Felix!“ sagt sie schließlich. Er nickt. Sie geht. Sie schreibt die Hausübung an die Tafel, und während die Kreide über die Tafel schwebt, muss sie daran denken, wieso sie Felix auf die letzte Französischschularbeit trotz Nichtlernens ein Sehr gut gegeben hatte. Er hatte es sich verdient, stellt sie fest, schließlich hat er ihr eine kostbare Zeit geopfert. Und schließlich hat es fast zwei Stunden gedauert. Sie seufzt. Sie hat sich nie träumen lassen, dass sie jemals jemanden lieben könnte, der so alt ist, wie ihr Sohn, doch es ist so.
„Au revoir!“ sagt sie dann und denkt dabei an Felix.

- fin

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